Rorschacher Bub ward «Mann im Mond»

Bruno Stanek erklärte der Schweiz die Raumfahrt und die Astronomie. Seit 1969 ein TV-Star, ist er am Dienstag 82-jährig verstorben.

Der berühmteste Rorschacher ist tot: Bruno Stanek, für die ganze Schweiz «Mister Weltraum» und «Unser Mann im Mond», 1943 in der St. Galler Hafenstadt geboren und aufgewachsen, verstarb am 5. Mai nach einem Jahr schwindender Gesundheit im Alter von 82 Jahren. Stanek war der bekannteste Experte für die Bereiche Weltraumfahrt und Astronomie und jahrzehntelang ein gefragter Kommentator am Schweizer Fernsehen – populär und geschätzt speziell dank seiner Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären.

Nachdem er bereits die Apollo-Mondflüge 1968 kommentiert hatte, wurde er in einer Sommernacht 1969 schlagartig berühmt: Als erst 25-jähriger Experte kommentierte er auf SRF die allein in der Schweiz von 900’000 Menschen verfolgte Live-Sendung der ersten Mondlandung – wohl das grösste Medienereignis aller Zeiten.

In der Folge war er regelmässig am Fernsehen zu sehen, bis hin zu den Space-Shuttle-Missionen in den 1980er-Jahren, gesamthaft machte er über 100 Stunden Live-TV-Sendungen zum Thema Raumfahrt.

Eigene TV-Sendung und 1300 Vorträge

In den Jahren 1975/76 hatte Stanek seine eigene TV-Sendung mit dem Titel «Neues aus dem Weltraum». Ein Höhepunkt war der Auftritt aller Apollo-13-Astronauten, die bei ihm im Bundeshaus-Studio von der riskanten Mission erzählten. «Auf über 50 USA-Reisen seit 1965 erlebte er zwei Starts zu Mondflügen live, seither unzählige Raketen- und Shuttlestarts, darunter alle vier des Schweizer Astronauten Claude Nicollier – mitsamt der Landung, aus nächster Nähe», heisst es auf Staneks Website.

Die beispiellose Karriere und das vielfältige Wirken des Raumfahrtexperten und ETH-Absolventen mit einem Doktortitel in Mathematik (1971) lässt sich dort umfassend nachlesen. Als junger Akademiker wirkte er als Assistent am Institut für Angewandte Mathematik der ETH, Spezialgebiet Himmelsmechanik, und in der technisch-wissenschaftlichen Programmierung für die Chemische Industrie in Basel (Ciba, Sandoz). Später war er als Mathematiker, Softwareautor, Schriftsteller, Verleger und Dozent tätig.

Beeindruckend auch seine Vortragstätigkeit: Im In- und Ausland referierte er gesamthaft rund 1300 Mal. Und er schuf die «Ärztesoftware Dr. Stanek», ein Administrationssystem für kleine Praxen in über zehn Schweizer Kantonen.

Im Rorschacher Seepark den Weltraum entdeckt

Seine Leidenschaft für die Astronomie war als Bub im Rorschacher Seepark geweckt worden, wie Stanek 2009 dem lokalen Schatzsucher Richard Lehner verriet. Er begleitete seinen Vater, einen Druckereiangestellten, der aus einer Familie der böhmischen Glasbläsertradition stammte, zu einem Konzert der Stadtmusik. Bei Verdis «Triumphmarsch» habe er zum Himmel geblickt und einen Stern besonders hell leuchten sehen. Zudem habe ihm sein fünf Jahre älterer Bruder Walter «einiges erklären können», so Stanek. «Damals war der Himmel nachts noch sehr dunkel und der helle Jupiter zum Beispiel hat mich ebenso begeistert wie neugierig gemacht.»

Schulkameraden erinnern sich weniger an Staneks frühe Sternenbegeisterung als an seine Chemie-Experimente. Aufgewachsen in einem Reihenhaus an der Wachsbleichestrasse, habe Stanek auf dem Luftschutzplatz beim damaligen Bauamt manche wilden Versuche durchgeführt, erzählt Ruedi Stambach. Der Seminarlehrer und langjährige Rorschacher Schulratspräsident war wie der Historiker und Theologe Max Schär oder der Unternehmer Ferdinand Kleger ein Klassenkollege Staneks. Der spätere Weltraumexperte sei «ein unauffälliger, angepasster, guter Schüler» gewesen, sagt Stambach, kein Strassenfussballer oder Quartierbandentyp, sondern «unsportlich und eher ungeschickt, schon damals ein Kopfmensch und Tüftler».

Der Handunfall ermöglichte das Studium

Mutig, übermütig war Stanek vor allem bei seinen Experimenten. Eines davon ging fürchterlich schief: Als er beim Bau einer Rakete Schwarzpulver in ein Kunststoffröhrchen schüttete, kam es zu einer Explosion, die ihm einen Teil der Hand wegriss. Folglich verbrachte er mehrere Monate in einer Klinik in München und fehlte fast ein Jahr in der Schule. Die Verletzung sollte ihn ein Leben lang behindern; meist hielt er den linken Unterarm in der Hosentasche.

Jedoch hatte der Unfall laut Ruedi Stambach auch eine positive Wirkung: Es sei fraglich, ob Stanek ohne die IV-Beiträge nach der Mittelschule ein Studium hätte absolvieren können – die Arbeiterfamilie hätte es nicht finanzieren können.

Mit Rorschach hatte Stanek nach seinem Wegzug nicht mehr viel zu tun. Aber immer, wenn er auf Vortrags- oder Freundesbesuch in der Stadt weilte, freuten ihn die früheren Geschichten. So interessierte er sich sehr für die Fotoaufnahmen Rorschachs um 1900, die 2014 im Kunstatelier von Fred Schuppisser («Fred der Teufel») ausgestellt wurden.

In der nostalgischen Runde erzählte er Schulgeschichten und erinnerte sich an einen prägenden (Mathi-)Lehrer: Ernst Rüesch, der spätere St. Galler Bildungsdirektor und FDP-Ständerat. «Ich war früher ein ziemlich frecher Cheib und hab viel Blödsinn gemacht», so Stanek. «Ernst Rüesch hat mir dann gezeigt, dass ich doch nicht so blöd bin.» Offenbar hatte Stanek eine andere Wahrnehmung von sich selber, denn tatsächlich haben ihn Jugendfreunde wie gesagt als brav und sogar scheu in Erinnerung.

Mondlandung-Autonummer und Humorbücher

Wie berühmt Stanek vor 40, 50 Jahren in der Schweiz war, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Mehrfach war er auf den Titelseiten populärer Zeitschriften wie der «Schweizer Illustrierten» und trat auch abseits von Wissenschaftsthemen in TV-Sendungen auf, etwa mit seiner Frau Erika in «Traumpaar». Als er in den 1970er-Jahren in den Kanton Zug zog, überraschten ihn die Behörden mit der Autonummer «21769», also dem Datum der Mondlandung am 21.7.1969. Ab 1980 wohnte er mit seiner Familie in Arth im Kanton Schwyz, mit einem Arbeitszimmer, «wie man sich das Labor eines Daniel Düsentrieb vorstellt», wie ein Journalist schrieb.

Als Autor landete er manchen Bestseller. Sein erstes Buch «Der Weg ins All» (1969) habe «sogar in der DDR grosse Verbreitung gefunden», schrieb er, und mit Ausnahme von «Tragbare Opfer» hätten alle Titel zwei bis sechs Auflagen erreicht. Zweiteres war neben «Sparer leben gefährlich» eines der «nicht nur humoristischen Sachbücher», die er für den Nebelspalter-Verlag schrieb – «als gebürtiger Rorschacher konnte er dies nicht bleiben lassen».

Fasziniert von Elon Musks SpaceX

Zeitlebens Amerika- und Nasa-Fan, schwärmte er in den letzten Jahren für die privaten Weltraumunternehmungen und speziell für Elon Musk. Staneks Vortrag sei zeitweise «zu einem wahren Werbespot für den umtriebigen Amerikaner» geworden, heisst es im Bericht über seinen Auftritt 2019 in Rapperswil-Jona. Auch an seinem letzten Vortrag in St. Gallen, im Herbst 2023 auf Einladung der Astronomischen Vereinigung St. Gallen, widmete sich Stanek vor allem dem Marsprojekt von SpaceX.

Für ältere Rorschacher wird Staneks Stern noch lange nicht verblassen. Wenn es darum geht, Landesgenossen fernab der Ostschweiz die Ausstrahlung Rorschachs zu erklären, bedienen sie sich zuweilen eines Bonmots: «Aus unserer Stadt kommt der Typ, der der Schweiz den Weltraum erklärte: Bruno Stanek. Und jener, der der Schweiz zeigte, wie man aus allen Gefängnissen ausbricht: Walter Stürm.» Was im zweiten Fall nicht ganz stimmt: Stürm stammt aus Goldach, aber die Frisco, die zur Mondlandung 1969 die Raketenglacé erfand, steht ja quasi auch auf der Gemeindegrenze.

Text: Marcel Elsener

Originalartikel im St.Galler Tagblatt vom 8. Mai 2026