Die unerfüllbare Vision verwirklicht

Gemäss den Erinnerungen von Stadthistoriker Otmar Elsener war die Erstellung dieser Promenade für die Bevölkerung eine lange Leidensgeschichte.
Otmar Elsner, der mit seinem Buch «Rorschach – Geschichten aus der Hafenstadt», weit über die Region hinaus bekannt ist, schildert die Anfänge so: «Fast hundert Jahre lang bildete der Bahndamm vom Kornhaus bis ins Rietli in Goldach eine unzugängliche Grenze zum See. Eine Seeuferpromenade in diesem Uferabschnitt galt in der Bevölkerung als unerfüllbare Vision. Nur mutige Buben wagten sich zum Fischen über die Bahngeleise, und an den Sommertagen drängten sich die Kinderscharen vor den Bahnschranken beim Steg zur Badhütte.

Erst 1955 beschloss der Gemeinderat, die Vision eines freien Seeufers zu verwirklichen und den Kornhausquai gegen Westen auszudehnen. Gartenarchitekt Fredy Klauser zeichnete erste Pläne einer Anlage zwischen Bunker und Badan­stalt mit einem Hafen für Gondeln und kleinere Segelboote. Den Bunker aus den Kriegszeiten wollte er abbrechen und dort eine Steintreppe in den See erstellen. Ab 1955 schütteten die Lastwagen jahrelang Aushubmaterial in den See im Westen der Stadt für den Bau der Parkanlage.» 1956 war als erste Etappe ein 15 Meter breiter Landstreifen entlang der Bahnlinie bis zur Badanstalt aufgeschüttet. Der Gondelhafen sollte als zweite Etappe bis Ende 1957 stehen, und ein weiterer Hafen für Motorboote und grössere Segelboote sowie eine Verlegung der Badeanstalt nach Westen war als dritte Etappe geplant.

Der Streit um das Motorboothaus

Doch es gab Verzögerungen. Die Aufschüttungen auf den Seegrund hatten zu Senkungen an Häusern an der Thurgauerstrasse geführt. Langwierige Expertisen waren nötig. Stadtammann Ernst Grob erklärte im Gemeinderat: «Die Aufschüttung wird fünf Jahre dauern.» Weil immer wieder Aushubmaterial angeboten wurde, schüttete man weiter ohne Detailpläne. 1961 legten Klauser und Wälli geänderte Pläne vor, in denen westlich der Bad­anstalt ein Motorboothaus vorgesehen war.

Otmar Elsener erinnert sich: «Da die Rorschacher bereits gegen frühere Pläne für ein Motorboothaus beim Bunker protestiert hatten, gab es erneut Widerstand. Unterschriften wurden gesammelt und eine Petition eingereicht. Es wurde ein neuer Wettbewerb für eine generelle Ufergestaltung von der West- bis zur Ostgrenze der Gemeinde ausgeschrieben. Die Arbeit von Architekt und Stadtrat Hans Rudolph wurde ausgezeichnet und dieser beauftragt, das Projekt für die westliche Seite zu bearbeiten. Damit war Klauser ausgebootet. 1966 beschloss der Gemeinderat, endgültig auf den Bau von Motorbootboxen zu verzichten.»

Sogar Abbruch der Badhütte war Thema

Es sollte mit der Neugestaltung nicht vorwärts gehen. Auch Rudolph zeichnete vier Varianten. Auf dem Bauamt häuften sich unausgeführte Detailpläne. 1964 erklärte Paul Casserini als amtsältestes Ratsmitglied, der die ganze Entwicklung miterlebt hatte: «Die Seeuferprojektierung ist eine reichlich konfuse Angelegenheit. Statt mit den Uferabschlussarbeiten zu beginnen, muss man wieder neue Projektierungskredite bewilligen.» Der spätere Regierungsrat und Ständerat Ernst Rüesch, damals noch Rorschacher Gemeinderat, ging noch weiter und bemerkte: «Der lange Entstehungsweg der Rorschacher Seeufergestaltung wird einem Verwaltungshistoriker im 21. Jahrhundert Stoff für eine Lebensarbeit geben.» 1966 sprach man wieder offen von einem Abbruch der Badhütte, die Reparatur an den Bassins nach einem Sturmschaden lohne sich nicht mehr.

Vorwärts ging es erst wieder 1968, damals unter Stadtammann Werner Müller. Weil im Rietli mit dem Bau eines Hafens für Segelboote begonnen wurde und man bereits von einem neuen Hafen im Osten sprach, sowie auch wegen mangelnder Autoparkplätze, verzichtete man auf die Weiterprojektierung eines Hafens im Westen. Rudolph gestaltete die Uferabschlüsse der Aufschüttung, gebaut wurde in den Wintermonaten 1969/1970. Sein Werk wurde stark kritisiert, es sei steril und behandle den See feindlich. Reichlich amateurhaft und unter der Wasserkote sei gebaut worden, hiess es im Juni 1971, als ein Sturm einen Teil der Uferabschlüsse verwüstete und die Platten am Teilstück bis zur Badi dem Wellenschlag nicht standhielten. Doch rechtzeitig auf das Rorschacherfest 1971 wurde die Anlage der Bevölkerung übergeben. 1973, als Anlass seines 275-Jahr-Jubiläums, schenkte der Gewerbeverein der Stadt Wasserspiele, die vor der grossen Freitreppe zum See platziert wurden.

Nachdem jahrelang von der Neugestaltung im Westen der Stadt nur als «Seeaufschüttung» geredet worden war, hielt sich dieser nüchterne Name in der Bevölkerung. Vor über vierzig Jahren veranstaltete die FDP Rorschach einen Wettbewerb für einen wohlklingenderen Namen. 522 Vorschläge wurden eingereicht. In einer Petition wurde dem Stadtrat empfohlen, der Anlage den eher sinnvollen Namen «Wasserspielplatz» zu geben. Eingebürgert hat er sich nie, heute spricht man eher von Uferpromenade West, doch bei vielen hält sich der Name «Seeaufschüttung» hartnäckig.

Seit ab 1969 bis 1973 die Uferanlage auch auf dem Gebiet der Gemeinde Goldach bis ins Rietli verlängert wurde und ab 1972 auch im Osten der Stadt dem See weiter Land abgerungen und zwei Bootshäfen erstellt wurden, darf sich Rorschach rühmen, zusammen mit Goldach eine selten lange zusammenhängende Uferpromenade zu besitzen. Wünschenswert wäre die Fortsetzung der Promenade im Osten bis zur ­Mündung des Alten Rheins. Das verhindern aber nach wie vor private Villenbesitzer in Rorschacherberg und Thal, die den direkten Seezugang exklusiv für sich beanspruchen.

Tagblatt Region Rorschach, Samstag, 10. August 2024
Text: Rudolf Hirtl
Bild: Tino Dietsche

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