Chronik der Seegfrörni

Im Neujahrsblatt 1964 hat in der in jedem Neujahrsblatt zu findenden «Kleine Rorschacher Stadtchronik» Franz Mächler den chronologischen Ablauf der Gförni beschrieben.

Seegfroerni 1963 Eisschollen auf dem Bodensee
Seegfroerni 1963 Eisschollen auf dem Bodensee

7. Februar. Der zugefrorene Bodensee ist das meteorologische Ereignis des Jahrhunderts! Die letzte Bodenseegfrörni ereignete sich im Winter 1880. Trotz eindringlicher Warnungen wagen sich bereits ein paar Burschen auf die Eisfläche hinaus. Die Fluggruppe der Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein hilft den bedrohten Wasservögeln mit Flügen zur Fütterung der hungernden Vogelschwärme auf dem großen weiten Eis. Die tierfreundliche Bevölkerung unterstützt diese Hilfsaktion durch Lebensmittelspenden aller Art.

8. Februar. Durch Verfügung des Bezirksammannamtes bleibt das Betreten des Bodensee-Eises vorläufig untersagt. Messungen ergeben, daß die Dicke der Eisschicht in einer Entfernung von 200 bis 250 Metern vom Ufer erst sechs bis neun Millimeter beträgt. Um dem Verbot Nachachtung zu verschaffen, wird ein Ueberwachungsdienst organisiert, der aus Feuerwehrmannen besteht, die das Betreten der Eisfläche verhindern sollen.

9. Februar. Daß in diesem abnormal kalten Winter die verbotenen Früchte besonders gut schmecken, beweist die Mißachtung des Verbotes, den gefrorenen See zu betreten. Mit Kind und Kegel wird die Eisfläche bereits bevölkert. Aus Wasserburg kommt ein 22-jähriger Deutscher über den See gefahren. Aus Langenargen treffen drei weitere Eisläufer ein.

Seegfroerni 1963 Kornhaus Rorschach
Seegfroerni 1963 Kornhaus Rorschach

10. Februar. Der erste <Eissonntag> bringt bereits viele Hunderte von Gwundrigen an den Bodensee nach Rorschach. Die aus Feuerwehrleuten bestehende Wachmannschaft, die das Betreten des Eises verhindern sollte, ist dem Ansturm nicht gewachsen und muß sich darauf beschränken, allzu Wagemutige zurückzurufen. Die Zeitungen melden bereits die ersten Todesopfer. Ein deutscher Radfahrer und ein junger Knecht aus Uttwil sind auf der Eisdecke eingebrochen und ertrunken.

13. Februar. Fünf Deutsche im Alter von 18 bis 34 Jahren überqueren von Nonnenhorn aus auf Skiern den Bodensee und treffen nach dreieinhalbstündigem Lauf in Rorschach ein. Die Heimkehr erfolgt auf dem Landweg mit einem Auto.

14. Februar. Was zuerst als Sensation galt, wird zur Alltäglichkeit. Die Besuche über den gefrorenen See mehren sich. Heute sind es bereits 17 Personen, die aus Nonnenhorn kommen und vom Schweizer Zöllner am Rorschacher Ufer in Empfang genommen werden.

Seegfroerni 1963 Tausende Fussgaenger und Autos auf dem Bodensee der Rorschacher Bucht
Tausende Fussgänger und Autos auf dem Bodensee

5. März. Bei schönstem Sonnenschein erleben wir den vierten <Eissonntag>. Tausende und Abertausende überqueren den See zwischen Rorschach und Nonnenhorn. Das <Ostschweizerische Tagblatt> schreibt: «Der Bodensee trennt nicht mehr, er verbindet. Wer die <Nonnenhornerstraße> noch nicht begangen hat, sollte dies unbedingt tun, bevor wir wieder vergessen, daß am anderen Ufer auch noch Leute leben. Keine Zollschranken existieren mehr. Wenn Eis überall Anlaß gäbe zu einer so guten internationalen Verständigung, zu einem so regen freundschaftlichen Verkehr, so möchten wir wünschen, daß alle Meere von einer Eisschicht bedeckt würden.»

9. März. Etwas betrübt lesen die Rorschacher folgende amtliche Mitteilung: «Die Bodenseegfrörni geht ihrem unvermeidlichen Ende entgegen. Die Bezirksammänner von Unterrheintal, Rorschach, Arbon und Kreuzungen haben am 8. März 1963 anläßlich einer Konferenz in Rorschach die Situation geprüft, wie sie sich auf Grund des eingetretenen Tauwetters stellt. Das Begehen des Eises ist in zunehmendem Maße lebensgefährlich. Das Betreten der Eisfläche auf dem Bodensee wird ab sofort verboten.» Die Frühlingssonne arbeitet mit aller Kraft. Das Ende der unvergeßlichen Seegfrörni ist nahe.

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